Morbus Sudeck: Kleine Ursache – Große Wirkung

Kleine Verletzungen können der Auslöser für Morbus Sudeck, dem so genannten „Komplexen regionalen Schmerzsyndrom (Complex regional pain syndrome,CRPS)“, sein. Oft entsteht die Krankheit nach Knochenbrüchen oder Operationen. Als Erster beschrieb sie der Hamburger Chirurgen Paul Sudeck im Jahr 1900.

Die Entstehung der Sudeck’schen Erkrankung ist noch nicht vollständig geklärt. Vermutet wird ein gestörter Heilungsverlauf der betroffenen Region und eine gestörte Schmerzweiterleitung im zentralen Nervensystem. Sudeck selbst nannte die Krankheit eine „entgleiste Heilentzündung“. Betroffen sind hauptsächlich Erwachsene, überwiegend Frauen zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr. Sind Kinder von der Krankheit betroffen, ist sie sogar stärker ausgeprägt, aber ihre Heilungschancen sind viel besser, stellt Dr. Anosheh Vakil-Adli, Fachärztin für Orthopädie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz fest.

Ursachen

Auch geringfügige Verletzungen oder kleine Operationen können zur Ausbildung eines Sudeck-Syndroms führen. In vielen Fällen geht eine längere Ruhigstellung – zum Beispiel ein Gipsverband – der Erkrankung voran. Bemerkenswert ist, dass die Stärke des Morbus Sudeck nicht mit der Schwere der ursprünglichen Verletzung korreliert. Vom Morbus Sudeck ist immer ein Gelenk betroffen. Meist ist die Hand oder der Fuß betroffen, manchmal Knie oder Schulter, seltener die Hüfte.

Jeder reagiert anders

Morbus Sudeck ist eine sehr individuelle Krankheit. Dabei sind die anfänglichen Symptome sehr unspezifisch, die Krankheit erscheint bei jedem Patienten in einer anderen Form und nimmt einen sehr individuellen Verlauf. Erschwerend für die Behandlung kommt hinzu, dass die Therapie interdisziplinär erfolgen muss. Entsprechend den Schmerzen, Funktionseinbußen sowie Sensibilitäts- und Ernährungsstörungen der betroffenen Gewebe müssen Neurologen, Orthopäden und Traumatologen ihren Beitrag leisten.

Weil die Krankheit am Beginn sehr unterschiedlich erscheint, werden die Symptome anfangs falsch interpretiert und es verzögert sich die Diagnosestellung. Die Symptome können bei dieser Krankheit völlig ausheilen, sie können sich aber auch so sehr verstärkten, dass die Patienten mit einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität leben müssen.

 

  • Motorische Störung
    Mehr als drei Viertel der Erkrankten zeigen eine Schwäche der betroffenen Gliedmaßen. Diese wird im akuten Stadium durch die bestehenden Schmerzen und die Schwellungen hervorgerufen. Ist der Morbus Sudeck erst einmal chronisch, können die motorischen Störungen durch Sehnenverkürzungen oder Einlagerungen von Bindegewebe bedingt sein. Etwa die Hälfte der Patienten zeigt unwillkürliche Muskelzuckungen, die bis zum Tremor (Zittern) führen können.
  • Sensible Störungen
    Alle Patienten neigen zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit. Bei drei Viertel der Betroffenen besteht auch ein Ruheschmerz, der als brennend oder prickelnd beschrieben wird. Manchmal wird auch über Taubheit oder einem „Fremdheitsgefühl“ der betroffenen Körperregionen berichtet.
  • Autonome Störung
    Fast immer kommt es im Anfangsstadium zu Anzeichen einer Entzündung: Rötung, Schwellung und Erhitzung sind die Regel. Dabei können in Blutuntersuchungen allerdings keine Indikatoren für eine Entzündung nachgewiesen werden.Werden die Beschwerden chronisch, färben sich die betroffenen Areale blau und fühlen sich kalt an. Die verletzten Regionen neigen zu vermehrtem Schwitzen. Die Haut ist wegen der Schwellung gespannt und bekommt ein wächsernes Aussehen.

Trophische (Ernährung) Störung
Im akuten Stadium wird oft über ein vermehrtes Wachstum von Haaren und Nägeln berichtet, im chronischen Stadium kehren sich die Symptome ins Gegenteil um.

In schweren Fällen werden die Muskeln des betroffenen Gelenks abgebaut, die Sehnen kontrahieren. Bewegungseinschränkungen können die Folge sein.

Im Röntgenbild kann eine fleckige Knochenentkalkung (Osteoporose) der betreffenden Gelenksanteile nachgewiesen werden.

 

Unheilbar?

Die besten Heilungschancen bestehen, wenn die Krankheit rechtzeitig erkannt wird und mit der Behandlung dementsprechend früh begonnen werden kann. Dennoch muss sich der Patient auf eine monate-, manchmal jahrelange Behandlung einstellen. Dabei sind die Prognosen wegen der bereits erwähnten Dauerschäden nicht besonders gut: Schmerzen, Muskelschwund, Bewegungseinschränkungen.

Es gibt kein Patentrezept, weil die Krankheit in so gut wie jedem Fall mit einer anderen, individuellen Symptomatik auftritt. Die Therapie richtet sich allein nach den Symptomen und ist primär auf eine Verbesserung der Beweglichkeit ausgerichtet:

  • Krankengymnastik
  • Ergotherapie mit Lagerungsschienen, die den Bewegungs-schmerz reduzieren und Fehlstellungen während der Nacht vorbeugen sollen
  • Schmerztherapie
  • Steroidhaltige Salben
  • Kalziumhältige (Nasen)Sprays

Wärmebehandlungen können – wie bei allen Entzündungen – zu einer Verschlechterung der Beschwerden führen. Daher ist davon abzuraten.

Mit der Therapie sollen jedenfalls nur erfahrene Handchirurgen, Orthopäden, Neurologen oder Anästhesisten befasst werden.

Psychische Stigmatisierung

Weil keine eindeutigen Erklärungen gefunden werden konnten, wurden die Patienten oft als psychisch labil oder gar hypochondrisch veranlagt bezeichnet. Ihre Schmerzen wurden nicht ernst genommen oder als eingebildet abgetan. Manche Wissenschafter vermuten, dass psychische Labilität, Depressionen oder Ängstlichkeit einen Morbus Sudeck bedingen.

Tatsächlich ist die Ursache nicht wirklich abgeklärt. Die Verletzung ist der Auslöser. Was dann geschieht, lag und liegt im Dunkeln. Neuerdings wird vermutet, dass beim Morbus Sudeck freigesetzte Sauerstoffradikale eine Schlüsselrolle spielen.

Prognosen und Vorbeugung

„Über den Verlauf und die Prognosen der Erkrankung entscheidet an erster Stelle der möglichst frühe Behandlungsbeginn“, sagt die Expertin Vakil-Adli. Die Dauer der Krankheit ist sehr unterschiedlich. Geringgradige Formen können nach wenigen Wochen ausheilen. In vielen Fällen dauert der Schmerz jedoch Jahre an, in manchen ein Leben lang. Auch die Intensität der Beschwerden verläuft nicht linear: Phasen der Besserung, die sehr lange dauern können, wechseln mit Phasen der Verschlechterung.
Nachdem die Ursachen der Erkrankung noch immer nicht restlos geklärt sind, liegt alles an einer schnellen Diagnosestellung und einer gezielten interdisziplinären Therapie (Physio-, Schmerz- und Psychotherapie), stellt die Spezialistin fest.